Everest once again: Entsorgen und Leichen bergen

Nochmal zum Thema Everest: Nachdem die Sherpas für die Touristen aus dem Westen bereits vor dem Gipfelsturm die Seile gelegt haben, an denen diese sich sichern und vielleicht nötigenfalls auch hochziehen können, sowie deren Gepäck und Rationen geschleppt haben, kommt nun der nächste Teil der mit dem ganzen Wahnsinn verbundenen Arbeit an die Reihe: die Wiederaufbereitung des Gipfels für die kommende Saison, d.h. ganz konkret den Müll entsorgen und die Leichen bergen, nachdem diese teilweise aus dem Eis gekratzt werden müssen. Einen interessanten Artikel gab es dazu bei der Tagesschau unter dem Titel Sherpas am Mount Everest: Sie holen den Müll – und die Leichen. Verwiesen wird dort auch auf den britischen Bergsteiger Nick Hollis, der u.a. von Gipfelaspiranten berichtet, die ihre Steigeisen und Gurte nicht selbst anlegen können. Respekt! …für die Sherpas, die dort einen der härtesten Jobs der Welt machen.

Foto: youtube

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Tod in der Warteschlange

Am Mount Everest ist wieder die Hölle los. Etwas über 300 Menschen sollen vor etwa einer Woche, am 22.5. auf dem höchsten Berg der Erde gestanden haben. Dabei war es wieder einmal – wie in den letzten Jahren aufgrund des zunehmenden Ansturms schon fast üblich geworden – zu Warteschlangen vor allem am Hillary Step, einer berüchtigen Engstelle knapp unterhalb des Gipfels gekommen. Ein Bild des Bergsteigers Nirmal Purja ist dabei in den letzten Tagen um die Welt gegangen:

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Foto: Nirmal Purja

Dabei bleiben Todesfälle nicht aus. Innerhalb von zehn Tagen sind bereits elf der Everest-Aspirant*innen zu Tode gekommen. Das ist die höchste Zahl seit den Rekordjahren 2014 und 2015, als Erdbeben eine Vielzahl verheerender Lawinen ausgelöst hatten. Die Zahl der Toten könnte für dieses Jahr noch weiter steigen, ebenso wird mit über 800 Besteigungen wohl ein neuer Höhepunkt erreicht werden.

Auch ein anderes, aktuelles Foto ist bemerkenswert. Es zeigt eine Gruppe Bergsteiger*innen an der Hillary Stufe, die an einer Leiche vorbei steigen.

Der Urheber des Fotos, Abenteuer-Filmer Elia Saikaly schrieb auf facebook:

“Death. Carnage. Chaos. Line-ups. Dead bodies on the route and in tents at camp 4. People who I tried to turn back who ended up dying. People being dragged down. Walking over bodies… Everything you read in the sensational headlines all played out on our summit night.”

Foto: Elia Saikaly

Laut einem Artikel über die verstörende Geschichte zum Foto ist bei den meisten der umgekommenen Everest-Aspiranten davon auszugehen, dass sie durch Höhenkrankheit aufgrund der langen Wartezeiten verstorben sind, da sich die Engstelle weit in der Todeszone befindet. In dieser Zone ist die Luft so dünn, dass der Organismus nicht mehr genügend Sauerstoff aufnimmt und nach einer gewissen Zeit einfach stirbt. Dazu kommen meist große Kälte, Dehydrierung und Ermüdung. Zwar sind die weitaus meisten mit Flaschen-Sauerstoff unterwegs, doch durch die Wartezeiten kommt es häufig zu einer ungenügenden bzw. unterbrochenen Versorgung.

Schon 2012 hatte ein Foto von Ralf Dujmovits Bekanntheit erlangt, das die damalige Everest-Saison auf erschreckende Weise einfing. Es zeigt eine Linie, die sich den Hang zum Everest hinauf zieht. An jenem Tag im Mai hatten ähnlich viele Leute gleichzeitig den Gipfelversuch gestartet. Wie Dujmovits in dem Interview mit Outside Online berichtet, war das der Punkt, an dem Dujmovits dem Everest den Rücken kehrte.

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Foto: Ralf Dujmovits

Dass in der Todeszone die Hirnfunktion abnimmt, macht sich auch in zunehmender Abgestumpftheit bemerkbar. So schrieb auch Saikaly:

“People are stepping over a body. You look around and see how people are dealing with that and you realize that people are not dealing with reality because they can’t. It’s just so confusing. So they just carry on. It’s when you get back down that you start asking yourself the question: Is it worth it? What is this whole industry about?

Der DAV und die Widersprüche: 150 Jahre

150 Jahre auf dem Holzweg zwischen Tradition und Moderne, oder eher zwischen Anti-Moderne und Post-Moderne? 150 Jahre Vertretung des touristischen Bedürfnisses, 150 Jahre Anspruch auf die Alpen.

So lange gibt es diese Einheit aus größtem Touristenverein und Lobbyverband in Deutschland nun schon und man könnte auch einmal die Frage stellen: warum eigentlich immer noch?

Aus Anlass des diesjährigen und speziell die kommenden Tage (9. Mai) anstehenden 150 jährigen Jubiläums des Touristenclubs und Reiseveranstalters Deutscher Alpenverein möchte ich gerne auf einen Artikel von Anne Armbrecht im Tagesspiegel verweisen, den ich selbst nicht besser (kritischer) hätte schreiben können:

150 Jahre Alpenverein

Was gestern Verdienst war, ist heute Verhängnis

Auch Josef Klenner hat das erkannt. Der 69-Jährige ist der Präsident des DAV, geht selbst seit seiner Jugend in die Berge. Er sagt, die Prioritäten hätten sich verschoben in den Jahren. „Das Netz ist seit den 1970er Jahren abgeschlossen. Es gibt genug Hütten und Wege. Man muss nicht mehr bauen – auch für den Schutz der Berge sollte man darauf verzichten.“

Erschließung versus Naturschutz. Das ist das Dilemma, indem der Verband steckt. Das er aber auch nicht auflösen kann und will. Wie auch? Oder hat er es vielleicht bereits schlicht dadurch aufgelöst dass er sich mittlerweile als bloße Anlaufstelle für die ohnehin existierenden Massen von Alpentourist*innen begreift, die er selber mit erzeugt hat?

Was sagst du? Welche guten Gründe sprechen für den DAV?

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Extremer Alpinismus als Glücksspiel und Flucht

Vor kurzem verunglückten die drei Ausnahme-Alpinisten Hans-Jörg Auer, David Lama und Jess Roskelley, vor zwei Jahren Extrembergsteiger Ueli Steck, genannt “Swiss Machine”.

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In einem Artikel, den ich für die Salzburger Nachrichten zum Thema geschrieben habe, geht es um die aktuelle Situation des extremen Alpinismus und um eine gesellschaftliche Tendenz, die darin zum Vorschein kommt. Denn es erscheint, als kommen und gehen die Größen des aktuellen Alpinismus oftmals im Zehn- bis Fünfzehn-Jahrestakt, immer auf der Suche nach neuen Extremen. Diese Suche mutet manchmal einem Glücksspiel an. Das heißt auch, wer Glück hat schafft rechtzeitig den Absprung. Doch den schaffen nicht alle. Den ungekürzten Artikel lest ihr weiter unten. Doch vorher möchte ich noch auf den mindestens genauso lesenwerten Artikel Am Gipfel geht nichts mehr von Martin Krauss verweisen, der bereits vor einer Woche in der taz erschienen ist. Krauss sollte nicht nur kritischen Sportfans

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Are we “Losing Earth”?

Or: have we lost it already?

Nathaniel Rich’s article about “Losing Earth” through climate change – and subsequent questions.

After a strong and snowy winter in the Alps, this summer really was tough, at least for vegetation, soil, glaciers etc. But also for many people. Not so much for myself, because personally, I like it warm. But as adventure blog reports, »NASA resarchers said that July 2018 was the third hottest month ever recorded, ranking just behind July of 2016 and 2017. On top of that, Death Valley — a notoriously hot place — saw the hottest month for any place on Earth ever.«
Actually, that’s nothing new so far. It’s getting warmer in here, as everyone knows (or almost), and everyone seems to talk about how tough this summer has been and, due to the overwhelming heat, many seem to be happy it’s over – at least for now.
However, climate change, global warming and the greenhouse effect are, in fact, nothing new at all, since knowledge about these phenomena dates back more than a hundred years.
When I begun my study path in geoecology in 2006 (or earth system sciences, as our dean of studies Prof. Matschullat stressed to call it), climate change was already a big, if not teh biggest and most important issue. Thus, I felt compelled (and in fact was compelled) to learn more about it, so in my second semester I started visiting courses in ecology and atmospheric chemistry, as well as biology. Moreover, I read the book of PIK scientists Rahmstorf and Schellnhuber (both part of IPCC) on climate change, which opened my eyes to the huge extent and severity of this global dynamic. Apart from that, I became member of an environmentalist group at my university in Freiberg. The issue had really grabbed my attention. When I switched my study path to geography, I started specializing in meteorology and climatology. There, however, my interests changed, and the issue slid out of my focus for some years.

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Safe Outside? Sexual Harassment and Assault in the Climbing Community

It exists, although some (men) might not believe it. For that reason I want to direct your attention to the #SafeOutside campaign and the results of its survey which show that the climbing community is not outside of society but rather reflects the latter and shares many of its problems.

#SafeOutside is an independent grassroots initiative designed to combat sexual harassment and sexual assault (SHSA). It is supported primarily by the American Alpine Club and Alpinist Magazine.safeoutside-dark

According to the #SafeOutside survey presented in August, »47 percent of the women surveyed and 16 percent of the men had experienced some form of sexual assault or sexual harassment during a climbing activity«, as a very recommendable Climbing Magazine article cites the survey.

No surprise, key findings of the survey were rather sobering:

  • Sexism is pervasive: Problematic commenting, stereotypical assumptions, as well as unwanted touching while spotting all were described as common problems »limiting women’s access to climbing free of fear, anxiety or discomfort«.
  • SHSA experiences negatively impact engagement in the climbing community, from disengaging with the activity to quitting altogether
  • People often don’t recognize SHSA when it happens
  • SHSA among climbing communities is not homogenous
  • Climbers are willing to engage on the topic of SHSA

The report also proposes actions to be taken to confront SHSA, such as bystander intervention, and offers guidelines for responding to victims as well as organizational best practices and a lot of further useful information on the topic.

You should read the report yourself, particularly men, because, as #metoo founder Tarana Burke pointed out, »this is not a women’s movement. It’s a people’s movement. We’re not going to change and move the needle without men. So it’s really important that we have these honest dialogues and that men let down their guard a little bit and allow themselves to listen deeply to what’s being said.«

Odysseus as a role-model // why people climb

Who wouldn’t be a mountaineer! Up here all the world’s prizes seem nothing.”

John Muir

“Mountaineers are caught in a trap of their own making. To feed their own compulsion to climb, mountaineers have initiated and participated in various endeavours that attract an ever-growing number of people to mountain regions. Climbing motivations have become increasingly complex, with economic concerns playing a more central role. This has led to a loss of meaning and value in the experience as mountaineers confront at each step of their travels the adverse impacts of their presence.”

Barbara R. Johnston and Ted Edwards, “The commodification of mountaineering,” Annals of Tourism Research 21, No. 3 (1994): 474.

This is what this blog was heading out for from its beginning: cognition/knowledge. Yeah sure, but to reach that, it was supposed to be an empirical foundation for a critical theory of climbing and/or mountaineering, constituted of fragments found whenever and wherever on a quotidian basis that illustrate the deeper meanings and relations of this risky, recreational touristic and sportive activity.

This theory is now available, with specific emphasis on North America, or the U.S. respectively. And I present to you not without any proud a slightly modified (I corrected some spelling mistakes and a footnote) version of my BA thesis on “the social role of climbing in U.S. society” entitled with a small deviation “Odysseus as a role model,” that follows the question of “why people climb” – which was also its original, submitted title – and aims on a social, or, critical theory of climbing.

Download the PDF here.

Abstract

Climbing and mountaineering, as ideal types of adventure sports have long been and still are often mystified. Although analyzed to a large extent with respect to motivations, the social causes and purposes remain widely unidentified. One common notion is that the sports is useless, which is expressed prototypically in George Mallory’s famous statement “Because it’s there” as a response to the question of why he wanted to climb Mount Everest. Social theorists have only to a limited extent managed to go beyond this notion and to question underlying motivations and their social and psychological origins, as well as the functionality of the sports. The image of freedom that is commonly associated with the activity itself needs further substantialization. Climbing as an adventure sport is not useless. It serves various purposes and has social functions. Although climbing in the U.S. has not played a large role for long, this changed with the popularization of rock climbing in the Yosemite Valley in the 1960s. Nowadays both alpine and rock climbing can be regarded as established forms of outdoor recreation in the U.S. and elite American climbers are recognized internationally. In the present work the large role of this cultural field for North America and its economical importance are shown. By investigating the historical development of the sport, it can be connected with important cultural traits such as the frontier condition or the appreciation of wilderness and its philosophical exponents in thinkers like Thoreau and Emerson. The purposes and functions of alpinism and climbing for the U.S. society, as well as the motivations of people who practice them are analysed. Motivations are numerous and overlapping. For this purpose works of Critical Theory of the Frankfurt School are highly instructive in showing how modern subjectivity is constituted in relationship with nature and under socio-psychological constraints. With this approach that involves sociological as well as psychological perspectives and draws on the works of theorists such as Adorno, Horkheimer and Marcuse as well as on Bourdieu, it is possible to follow the thesis that mountaineering and climbing, together with several other adventure sports, serve not only the reproduction of labor power, the sublimation of socially induced suppression of instincts (drives) and the accumulation of social capital, but also, in a more general sense, the formation of modern subjectivity by the contestation with and domination of nature. Climbing can thereby be regarded as a need that is felt to compete with the forces of nature and in this respect as a substitution of the functional role of war or, as specific to North America, the frontier and wilderness condition.

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Keep the dream alive. You know what I mean.