“Berg Heil!” – Ausstellung zu Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945

“Berg Heil” – dieser Gruß weckt bei manchen Bergsteiger_innen Unbehagen, bei anderen hingegen eher gar nichts, und gehört für viele einfach dazu wie Gipfelkreuz und Edelweiß. Doch der Gruß steckt voller Geschichte. Dieser Geschichte widmet sich erstmals eine Ausstellung, die zum hundertjährigen Jubiläum des Alpinen Museums in München genau dort seit 24.11. zu sehen ist und sich mit dem Bergsteigen und den Alpenvereinen Deutschlands der Zeit 1918 bis 1945 beschäftigt. Passenderweise widmet sich der erste Artikel dieses Blogs jener
BERG HEIL! Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945. Ausstellung im Alpenvereinshaus München
Ausstellung (1). Sie wurde in einem umfangreichen wissenschaftlichen Projekt durch ein Team von Forscher_innen aus Deutschland, Österreich und Italien erarbeitet, erstmals als eine Gesamtschau, die alle Alpenvereine der damaligen Zeit einbezieht. Sie beleuchtet die historische Entwicklung des Bergsteigens v.a. im Alpenraum, aber auch in den anderen großen Gebirgen, dessen zunehmende völkische und antisemitische Ausrichtung genauso wie die der Alpenvereine, die zu den Wegbereitern des Anschlusses Österreichs an das “Großdeutsche Reich” gehörten.

Alltagsbeschreibungen und Heldengeschichten

250 Ausstellungsstücke – vom Bergsteigegerät über Fotos, Filmausschnitte, Propagandamaterial bis hin zum Motorrad – veranschaulichen eine sehr ausgewogene und zudem sehr kurzweilige Mischung aus Beschreibungen des Alltagslebens, Heldengeschichten und dem Nachzeichnen der historischen und politischen Entwicklungen jener Zeit, die ihre Stärke darin hat, die Voraussetzungen und Kontinuitäten der ideologischen Bestimmung des Bergsteigens klar zu benennen und aufzudecken. Der Gruß “Berg Heil” lässt sich auf das Jahr 1881 zurückverfolgen, genauso beginnt in dieser Zeit der Antisemitismus Einzug in die Alpenvereine zu halten.

Besonders interessant in dieser Hinsicht und – wie auch die Süddeutsche Zeitung festgestellt hat – »das eigentlich Verstörende an der Schau sind die Abteilungen, in denen es um die Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg geht. Schon damals – lange bevor die Nazis an die Macht gelangten – waren im Alpenverein ein extremer Deutsch-Nationalismus und Antisemitismus weit verbreitet.« (2)

Das damals noch fast ausschließlich von zumeist verwegenen Abenteurern betriebene Bergsteigen war ein bedeutendes Stück ideologischer Kitt für den Geist der Zeit des präfaschistischen und vom Krieg gezeichneten und geprägten Deutschlands.

»Wir suchen instinktiv ein neues Leben, das Leben in der Gefahr.« (Nietzsche)

So wird etwa betont, dass Nietzsches “Zarathustra” eine Art Pflichtlektüre für die Soldaten war, die deren Kriegsbegeisterung und Kampfbereitschaft literarisch unterfütterte

»Das ist die Hingebung des Größten, daß es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein Würfelspielen.«

Und der Geist der Zeit war eine fatale Mischung aus Zukunftsangst und Abenteuerlust, aus Nietzsches Nihilismus und Ernst Jüngers Verherrlichung des Krieges “In Stahlgewittern“; Opferbereitschaft, die Suche nach der Gefahr, die Stählung von Geist und Körper, waren ebenso ideologisches Rahmenwerk für das Bergsteigen der damaligen Zeit und Anschlussstelle für die zunehmende nationalsozialistische Orientierung der Bergsteiger-Szene.

Eine weitere theoretische Einbettung wäre hier zwar wünschenswert, so z.B. das Aufzeigen der Verbindung zur Deutschen Romantik, und mittels Kunstwerken leicht zu veranschaulichen – etwa aus der Strömung des Futurimus, die in ihrer Ästhetisierung von Krieg und der Verherrlichung von Gewalt den italienischen Faschismus erheblich inspirierte. Jedoch sind einer solchen Arbeit – genauso wie den Räumlichkeiten im vergleichsweise kleinen Alpinen Museum – natürlich auch Grenzen gesetzt.

Auf dem Nepal Peak, Himalaya, 1939

Auf dem Nepal Peak, Himalaya, 1939. (Archiv des Alpenvereins)

Weiterhin beschreibt die Ausstellung, wie in der durch die Weltwirtschaftskrise erzeugten Arbeitslosigkeit die ersten Bergvagabunden wie Hanns Ertl ein Dasein in der Bergsteigerei finden; wie die zunehmende Erschließung der Alpen auf immer größeres Unbehagen und bald auch erste Bestrebungen diese einzudämmen oder gar zu stoppen trifft, sowie anfängliche Bemühungen um den Naturschutz, der später vor allem von den Nazis vorangetrieben wurde.

Naturschutz und Alpenschutz

So sind z.B. Denkschriften ausgestellt, die sich gegen den Ausbau der Großglockner-Hochalpenstraße in das Pasterze-Gebiet aussprachen – die Hochalpenstraße spielte jedoch auch eine Rolle in der NS-Propaganda, als Prestigeobjekt und Beispiel für die Harmonie in der Ästhetik von Natur und ihrer Bezwingung. Der Grundbesitz des ÖAV in diesem Gebiet bildete später die Grundlage für die Etablierung des heutigen Nationalparks. Lesenswert sind etwa auch Handzettel, die von Bergwacht-Patrouillen auf Wanderwegen ausgeteilt wurden und zur Beachtung des neuen, von den Nationalsozialisten eingeführten Pflanzen- und Tierschutzgesetzes mahnen sollten. Zu erwähnen sind auch die sogenannten Tölzer Richtlinien aus dem Mitteilungsblatt des Alpenvereins von 1923. In diesem Manifest wird die Erschließung der Alpen als abgeschlossen betrachtet (1923!) und die Erhaltung des Alpenraumes als vorrangiges Ziel erklärt. Das Werk war zwar umstritten, aber das Thema blieb aktuell – eigentlich bis heute. 1926 wurde Naturschutz tatsächlich offizielles Vereinsziel, nachdem um die neue Zugspitzbahn kontroverse Diskussionen entbrannt waren.

Das Großdeutsche Reich “im Kleinen vorgelebt”

Auch die Rolle der Alpenvereine als Bindeglied zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn wird unverblümt thematisiert: »Nach fünf Jahren des Widerstands gegen seine Gleichschaltung bejubelte der Alpenverein das Großdeutsche Reich, das er in seiner Organisationsform im Kleinen schon vorgelebt hatte«, genauso wie er der Verfolgung der Juden vorauseilte: bereits 1924 wurde die jüdische Sektion “Donauland” aus dem Deutschen Alpenverein ausgeschlossen, Mitgliedern dieser Sektion wurde der Zutritt zu Alpenvereinshütten verwehrt.

"Donauland" unerwünscht

Hinweisschild (Archiv des Alpenvereins)

»Der Zeitpunkt ist spät«, wie auch Friederike Kaiser zugibt (3). Umso wichtiger ist der Beitrag, den die Ausstellung für eine Aufarbeitung der Geschichte des Bergsteigens und des Alpenvereins und seine Verstrickung in den NS leistet.
Zwar ist die Ausstellung noch jung, aber die Gästebucheinträge lassen schon auf viel Zuspruch schließen. Außerdem hat der Alpenverein eine Umfrage zur Verwendung des Grußes “Berg Heil” und möglicher Alternativen initiiert, sowie eine Diskussion angekurbelt, deren Resultate man in Teilen auch schon auf dem Schwarzen Brett im Alpinen Museum wie auch im Internet nachvollziehen kann. Viele Beiträge sehen die Delegitimierung des Grußes kritisch, jedoch ist nur wenig grober Unfug zu lesen, wie etwa die totalitarismustheoretische Forderung, man möge doch auch einmal die Geschichte des Bergsteigens in der DDR aufarbeiten, oder öfters auch die plumpe Frage danach, was man denn statt “Berg Heil” sonst sagen solle (so auch Bergsteigerin Ines Papert im Panorama, ganz anders hingegen Stefan Glowacz, der sich klar für einen reflektierten Umgang mit der Geschichte und gegen den tradierten Gruß aussprach) (4).

Wenngleich es schon länger Versuche gab, die Vergangenheit der Alpenvereine, oder zumindest des deutschen Alpenvereins aufzuarbeiten – eine Arbeit in dieser Breite und in diesem Umfang ist etwas neues. Und sie räumt mit einem oft gehegten Missverständnis auf: »Ein Blick in die Geschichte des Alpenvereins und Bergsports zeigt, dass auch die Freizeit kein politik- und gesellschaftsfreier Raum ist.« (5)

Dass das Bergsteigen, und nicht nur dieses, sondern auch Bergsport und -tourismus allgemein eine gesellschaftliche und in vielerlei Hinsicht v.a. auch unbewusste Dimension besitzen – diesem Stoff nachzugehen habe ich mir mit dem Blog naturedomination zum Ziel gesetzt.

 

(1) Die Ausstellung ist vom 24.11.2011 bis zum 24.06.2012 im Museum des Deutschen Alpenvereins im Alpinen Haus auf der Praterinsel 5, München, zu sehen.

(2) Süddeutsche Zeitung, 23.11.2011

(3) WELT 23.11.2011

(4) Panorama 6/2011, S.9; online

(5) ebd. S. 6

 

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