Als Wort zum Sonntag…

…ein wahrlich’ Schätzlein gefunden:

»Alpen! Alpen! unvergeßlich seid
Meinem Herzen ihr in allen Tagen;
Bergend vor der Welt ein herbes Leid,
Hab ich es zu euch hinaufgetragen.

Für das Unglück steht ein Gnadenbild
Zwischen Felsen heimlich eingeschlossen,
Eine Kluft ists, einsam, tief und wild,
Durch den Abgrund ist ein Quell gestoßen.

Wie die Brust Marias schwertdurchbohrt
Ist zu schaun in christlicher Kapelle,
So Natur, der heilgen Mutter dort
Schien das Herz durchschnitten von dem Quelle

Grauer Felsen ewig starrer Blick
Hangt hinab zur tiefgerißnen Wunde,
Und der Mensch mit seinem Mißgeschick
Lauscht dem Strom, der immer klagt im Grunde.

Tausendstimmig braust ein dunkler Schmerz
In des Stroms zerbrochenen Akkorden,
Und aufhorchend ist des Menschen Herz
Seiner eignen Klage still geworden.

Wird des Unglücks heilger Sinn geahnt,
Hat der Kummer seinen Groll verloren;
Rauschend hat michs an der Kluft gemahnt:
Schmerz und Liebe hat die Welt geboren.

Schmerz und Liebe ist des Menschen Teil,
Der dem Weltgeschick nicht feig entwichen;
Zieht er aus dem Busen sich den Pfeil,
Ist er für die Welt und Gott verblichen.

Heimweh jagt des Abgrunds wilden Schaum;
Läßt Natur die Erd in Freuden prangen,
Schildert sie der Zukunft schönen Traum;
All ihr Herz ist Sehnen und Verlangen.

Heimweh ist es, wenn die Liebe naht,
Ist der Grund des nie gestillten Fragens,
Heimweh jede große Menschentat,
Und die Wunder himmlischen Entsagens. –

Alpen, o wie stärkte mich die Rast,
Lagernd auf dem weichen Grün der Wiesen,
Kräuterdüfte fächelten den Gast,
Eisgeharnischt ragten eure Riesen.

Lerche sang ihr lustverwirrtes Lied,
Schweigend strich der Adler durchs Gesteine,
Und die Gipfel, als die Sonne schied,
Schwelgten stumm im letzten Purpurscheine.

Eine Herde irrt’ am Wiesenhang,
Kühe weidend pflückten ihre Beute,
Und die Glock an ihrem Halse klang
Für die Kräuter sanftes Sterbgeläute.

Kaum vernehmbar kam der müde Schall
Jener Kluft herüber mit den Winden;
Wo so hoher Frieden überall,
Ließ die Ruh in Gott sich vorempfinden. –

Frischen Mut zu jedem Kampf und Leid
Hab ich talwärts von der Höh getragen;
Alpen! Alpen! unvergeßlich seid
Meinem Herzen ihr in allen Tagen!«

„An die Alpen“, von Nikolaus Lenau („Wanderung im Gebirge“ aus dem Zyklus „Reiseblätter“, irgendwann Anfang 19. Jh.), H.d.V.

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