Natur in der Werbung #2

»Das Schema der odyseeischen List ist Naturbeherrschung durch solche Angleichung.« (1)

Es ist zwar keine gute Methode, aber es passt einfach so gut: Dämliche Werbung mit Zitaten aus der Dialektik der Aufklärung denunzieren – oder anders herum: die Dialektik der Aufklärung mit dämlicher Werbung vermitteln.

Panorama-5_2012-page 21 (Bergsport-heute_4of14)

Aus: Panorama 5/2012, S. 21

Mimesis war das Wort, das Horkheimer und Adorno für Anpassung an die Natur benutzten, für eine Urform menschlichen Handelns also, die instinktgeleitet und reflexhaft erfolgte, weshalb insofern der Begriff Mimikry adäquater gewesen wäre, worauf auch Dirk Lehmann in seinem sehr lesenswerten Text “Denken im Schatten der Selbsterhaltung” in der Zeitschrift Prodomo hinweist: »Intentional zwar gegen die Natur gerichtet, ist sie [die Mimesis; ND] ihr aber nicht vollständig entgegen gesetzt. Mimetisches Verhalten richtet sich mit der Natur gegen diese. Sachlich richtiger müsste in dieser Hinsicht eher von Mimikry denn von Mimesis gesprochen werden. Mimikry meint schließlich einen instinktgeleiteten Reflex, ein Angleichen an Natur ob eines biologischen Reaktionsvermögens

Doch blieb die Entwicklung nicht an diesem Punkt stehen. Lehmann formuliert das mit Blick auf die Genese begrifflichen Denkens, das über verschiedene Zwischenstufen hinweg bei der logisch-wissenschaftlichen Rationalität endet, so: »Aus dem Reflex wird aber bald ein bewusstes Prinzip. Nunmehr absichtsvoll werden einstmals archaische Verhaltensformen in Handeln transformiert. Mimesis ist also nicht allein die instinktiv vollzogene Mimikry, sondern zugleich Ausdruck von Rationalität, d. h. die Urform einer rationalen Praxis.«

Zur Verdeutlichung führt er aus der Dialektik an: »Nur die bewußt gehandhabte Anpassung and die Natur bringt diese unter die Gewalt des physisch Schwächeren.« (S. 64) und: »Zivilisation hat anstelle der organischen Anschmiegung ans andere, anstelle des eigentlich mimetischen Verhaltens [i.e. Mimikry; DL], zunächst in der magischen Phase, die organisierte Handhabung der Mimesis und schließlich, in der historischen, die rationale Praxis, die Arbeit, gesetzt.« (S. 189) Der anschließende Schritt zum Mythos als frühester Form des festhaltenden, überliefernden Denkens legt dann den zumindest ideellen Grundstein eigentlicher Zivilisation, während mit der Arbeit, deren Begriff den Stoffwechsel mit der Natur meint, welcher erstmals Gebrauchswerte produziert und den Menschen ein Mehrprodukt zur Verfügung stellt der materielle ist.

Eine spannende Frage (2) ist nun, ob es sich bei jenem mimetischen Denken, dem ihm entsprechenden Handeln, der Sehnsucht nach Natur (“Ich bin raus”) um eine Re-Archaisierung des Menschen handelt oder ob dieser mit dem ge- und widerspenstigen Begriff des Subjekts der Aufklärung bezeichnete einfach immer schon Residuale archaischen Handelns mit sich und in sich trägt, die nur punktuell und verdeckt oder eben manchmal auch unverhüllt zum Vorschein kommen; dessen Denken, »nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet.« (S. 3)

Fakt ist zwar: sich in die Natur zu begeben ist allemal die sozialverträglichere Bewältigungsstrategie als alle Formen von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus etc. Aber neben meiner Behauptung, dass der Outdoorwahn in seiner Funktion den Kriegswahn der Nationen des 19. und 20. Jahrhunderts abgelöst hat – dass sich also die Formen der Bewältigung gewandelt haben -, ist es wohl auch so, dass die Ursachen, das sind die zu bewältigenden kollektiven wie individuellen Psychopathologien und ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen dieselben sind. Zu diesen zählt auch, dass, wie Lehmann schreibt, »alle Deformation kaum je reflektiert wurde«. Sein Fazit soll hier auch stehen: »Es gilt die Geschichte von Glanz und Elend der Entzauberung der Welt zu schreiben; mit dem Begriff gegen den Begriff.«

(1) Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung. Fischer, Frankfurt a. M., 15. Aufl., 2004, S. 64

(2) Eine von verschiedenen Fragen, deren Beantwortung als “work in progress” ich mittels u.a. diesen blogs nachzugehen versuche

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