“Urlaub wird zur Flucht vor dem Arbeitsstress”

Eine Studie kommt zu sensationell neuen Ergebnissen: »Der wachsende Druck in der Arbeitswelt« mache den Urlaub »immer mehr zum unverzichtbaren Gegengewicht zum Burnout-Syndrom und die zunehmende „Virtualisierung“ verstärkt den Wunsch, im Urlaub das „authentische Erlebnis“ zu finden.«

Die Studie, für die im Auftrag der Europäischen Reiseversicherung 1000 Österreicher_innen befragt wurden, präsentiert altbekanntes im nicht mal neuen Gewand, aktualisiert höchstens in der Bezifferung.

Deutliche Verschiebungen zeichnen sich unter dem Druck der Arbeitsverhältnisse bei den Urlaubsmotiven ab. Für fast 90 Prozent der Befragten ist die „Work-Life-Balance“ – die Ausgewogenheit von Arbeit und Erholung – wichtig…

Die Mehrheit der Befragten empfindet, der Arbeitsstress habe zugenommen. Wer hätte das gedacht?

Spannend wird es, wenn konkrete Motive genannt werden:

Auf die Frage, welche Reisemotive bis 2020 zunehmen würden, führen fast 80 Prozent „Gegensteuern gegen das Burnout-Syndrom“ an.

Diese Zahl ist erstaunlich, wenngleich die Frage etwas seltsam ist, wäre es doch eigentlich die Aufgabe der Autor_innen der Studie, die Tendenz aus den Ergebnissen herauszufiltern.

Urlaub als Gegengewicht zur „virtuellen Erlebniswelt“

Selbst der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren »wird das Leben mit E-Mail, Facebook und Twitter offenbar zu anstrengend: Fast ein Viertel sieht eine Tendenz zum Urlaub als „Flucht vor Web.2.0“.« [Was für ein Viertel gemeint ist, geht aus der Pressemitteilung leider nicht hervor.]

Es stellt sich nun die Frage, wen das alles verwundern sollte? Die Gesellschaft, d.h. genauer – ihre Arbeitswelt – wird auch auf dieses Problem eine adäquate Lösung finden. Psychotherapie ist hierzulande ähnlich wie in den Vereinigten Staaten auf dem besten Weg zur allgemein anerkannten und üblichen Wiedereingliederungsmaßnahme in die Arbeitswelt zu werden. Gleichwohl das Burnout-Syndrom verschiedenste Ursachen haben kann – die Persönlichkeit wieder fit für das Berufsleben zu machen, d.h. wieder gerade zu biegen ist dabei das Hauptziel, weshalb es auf die individuellen Leiden im Einzelnen auch gar nicht ankommt, schließlich kommt es auf den einzelnen Menschen auch gar nicht wirklich an. Und in Kollektiven, die leben, um zu arbeiten, funktioniert “auf Biegen und Brechen” der Zwang zum Arbeiten ohnehin sehr gut.

Dass Urlaub nicht freie Zeit bedeutet, sondern Reproduktion der Arbeitskraft ist, erscheint zwar nicht so. Ob man aber nun eines der zahlreichenen angebotenen Spektakel konsumiert, auf Reisen geht, oder ob man einfach nur daliegt, läuft effektiv auf dasselbe hinaus. Schlaf ist Schlaf für die Fabrik, Reisen ist Reisen für’s Büro.

Nichts neues: Tourismus als Flucht

Der deutsche Soziologe Hans Magnus Enzensberger schrieb schon 1958:

»Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt. Jede Flucht aber, wie töricht, wie ohnmächtig sie sein mag, kritisiert das, wovon sie sich abwendet.«

Und:

»Der Tourismus, ersonnen, um seine Anhänger von der Gesellschaft zu erlösen, nahm sie auf die Reise mit. Von den Gesichtern ihrer Nachbarn lasen die Teilnehmer fortan ab, was zu vergessen ihre Absicht war. In dem, was mitfuhr, spiegelte sich, was man zurückgelassen hatte. Der Tourismus ist seither das Spiegelbild der Gesellschaft, von der er sich abstößt.«

Seither, das heißt, schon seit der Romantik, in der er die Anfänge des Tourismus verortet, welcher »die Freiheit, die unter der Wirklichkeit der beginnenden Arbeitswelt und der politischen Restauration zu ersticken drohte, im Bilde festgehalten« hat. (1)

Und Arbeit, das ist Arbeit zur Herstellung von Waren und Wert, also Arbeit, deren Ergebnis einem selbst gar nicht zu gute kommt.

Die Pressemitteilung zur Studie der Europäischen Versicherung findet sich hier.

(1) Hans Magnus Enzensberger, »Eine Theorie des Tourismus«. In: ders. : Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie. Frankfurt a. M. 1962, S. 179-205

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2 thoughts on ““Urlaub wird zur Flucht vor dem Arbeitsstress”

    • Danke für den Hinweis. Der verlinkte Text liest sich aber am Anfang schon ganz schön abstoßend. Vielleicht kann ich mich aber irgendwann trotzdem mal dazu überwinden, dann vielleicht die Einleitung überspringend.

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