Action is over…

…talking is on. Genau genommen ist der Urlaub vorüber und er war, wer hätte es gedacht, natürlich wie immer zu kurz. Da in den Bergen des Pitztals aufgrund des schlechten Wetters nichts ging außer ein Besuch im Taschachhaus, hier ein paar Worte zur gelesenen Literatur.

Max Frischs “Antwort aus der Stille” entpuppte sich zwar leider nur als autobiografisch angehauchte und durch die Bergsteiger-Erfahrungen des Autors aufgepeppte Prosa in Bergumgebung, die durch eine fadenscheinige Liebesglosse teils sehr enervierend war, womöglich der Jugend (oder Frische) des Autors geschuldet. Allerdings gelang es Frisch in dieser Erzählung in sprachlich ansprechender Form, die Zerrissenheit eines jungen Menschen aufzuzeigen und seine seelischen Zustände zu beschreiben, die zum einen von brennendem, gar todesverleugnenden Ehrgeiz, zum anderen von schier unerträglicher Orientierungslosigkeit geprägt sind. Ein von Selbstzweifeln geplagter Bergsteiger, Ende zwanzig, ohne jede Ausbildung, zwei Wochen vor seiner Heirat stehend, zieht los auf seine womöglich letzte Begehung, zu einem ominösen, bisher unbestiegenen Nordgrat, ein äußerst waghalsiges und riskantes Unternehmen, trifft dabei eine Frau, sie verlieben sich, wollen zusammenbleiben, er geht trotzdem, denkt er müsse sich und der Welt etwas beweisen. Frisch schafft es zwar zu zeigen, dass es einen Widerspruch geben muss, irgendein schlechtes in der Gesellschaft, ein Riss, der durch den Einzelnen, den Helden geht und ihn in eine existenzielle Krise treibt, ja sogar zu zerreißen droht und diesen dazu bringt den Tod in den Bergen zu riskieren. Was den Widerspruch jedoch ausmacht bzw. woraus dieser hervorgeht wird weggewischt im Moment der Rückkehr des gezeichneten Helden, und damit der Läuterung, als toter Lebendiger oder lebendiger Toter, wie es Peter von Matt in seinem Nachwort formulierte. Frisch entschied in seinem eigenen Leben zugunsten der geregelten Verhältnisse als Architekt und zuungunsten der Literatur. In einer treffenden Rezension der NZZ heißt es dazu passend: »In der Berghütte von der Geliebten und von seiner Verlobten zur Ruhe gebettet, denkt Leuthold noch halb wachend daran, dass er auch als Arm- und Fussamputierter ein guter Ehemann, Lehrer und Vater sein könne, ehe er «mit neuer Sehnsucht und mit wissendem Herzen» in den Schlaf des Gerechten fällt. Es ist diese Figur, die sich der angehende Architekt Max Frisch als Menetekel an die Nordwand seiner eigenen Existenz zeichnet.«

Robert Steiners Darstellung des Extremalpinimus

Ungleich spannender, geradezu extrem fesselnd und dabei gleichzeitig von mitunter großer Tiefe war Robert Steiners Selig, wer in Träumen stirbt. Seine Beschreibung des Sturzes in der Grandes Jorasses Nordwand (Colton/MacIntyre) im Jahr 1997, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, war sozusagen meine literaturtechnische Rettung. Steiner vereinte nicht nur verschiedenste alpinistische Motive, etwa die Flucht vor Alltag, Langeweile und bürgerlicher Existenz, die Verachtung des Gewöhnlichen, eine elitäre Gesinnung und großen Ehrgeiz.

Er liefert auch eine spannende Beschreibung seiner Situation als Profi-Aspirant sowie der (extremen) alpinistischen Szene schlechthin.

Der extreme Alpinismus ist ein Mikrokosmos. Jeder schielt nach dem anderen; das ist die Armut und Einsamkeit der Extremen. Wie will man zufrieden werden, wenn man sein Leben lediglich aus der Resonanz seiner Leistungen bei den anderen bestimmt? Erfolg ist wie ein Rausch: Zuerst verlockend, dann zersetzend, schließlich unentrinnbar, und immer, bis ins Tiefste hinein, egoistisch. Das ist sie, die traurige Einsamkeit und die stumpfe Primitivität der Semiprofessionellen. (1)

Und weiter:

Alles Krasse und Extreme, besonders im sportlichen Bereich, scheint den Menschen eine Anleitung zum Glücklichwerden. Das ist einer dieser unausweichlichen Denkfehler der Moderne, des utopisierenden Abendlandes. (2)

Sich den Traum vom Bergsteigerleben zu verwirklichen, machte ihn jedoch nicht unbedingt glücklicher.

Ich wollte besser werden, schneller, stärker, wilder und wagemutiger, weil ich spürte, dass mein Geist verlangte, meinem Körper diese Belastung auferlegen zu müssen. Außerdem war ich jung, seit einem Monat erst zwanzig. Ich hatte noch viele Jahre vor mir, in denen ich mich stieigern konnte. Mit fünfundzwanzig würde ich besser sein. Trotzdem zählt jedes Jahr und jeder Traum. Ich wollte klettern. Warten oder nur leichte Routen klettern, das hatte ich in den

letzten Jahren verlernt. Permanente Ungeduld war neben häufiger Unzufriedenheit mein Begleiter: Ungeduld und Unzufriedenheit sind eineiige Zwillinge. (3)

Nach seinem Sturz wandelte sich das Bild der Berge und der eigenen Rolle in ihnen:

Die Berge sind schön, aber sie sind gleichzeitig auch ein Haufen Schutt. Sie können unfair, brutal und hässlich sein. Sie können dich aus der Mitte deines Lebens herausholen. Menschlichkeit findest du in den Bergen nur so viel, wie du in sie hineinsteckst. Der Alpinismus ist nicht viel mehr als eine schöne und einsatzreiche Sportart, an der neben der Natur das vielleicht Schönste ist, dass du dir die Regeln, mit denen du spielen willst, selbst aussuchen kannst.

Er führte also auch zu einem sportlichen Perspektivwechsel:

Wie wenig mich heute die Schwierigkeitsgrade und Leistungen interessieren! Vorbilder und Helden, Rekorde und Zahlen, Wettbewerb und Talent: Sie haben allesamt ihren Sinn für mich verloren. Wenn ich die Bergsportmagazine durchlese, springt mir die Sinnlosigkeit all dieser Begriffe entgegen. Für mich zählen Leistungen und Taten weniger als gescheiterte Versuche und vergebliche Anstrengungen. Ich empfinde nicht viel für Leute, die »Erfolge« haben, die die Dinge einfach so erreichen. Wenn ich das so sagen darf. Meine Sympathie ist viel mehr bei denen, die sich selbst und ihre physischen Schranken überwinden, obwohl sie vielleicht unbegabter und weniger ideal veranlagt sind und ihre Leistungen in der Sprache der Schwierigkeitsgrade nicht an diejenigen von anderen heranreicht. (4)

Steiner kehrte zu den Grandes Jorasses zurück und was ihm dort – unglaublicherweise – passierte, kann man sich in einer Reportage von servus tv ansehen. Phantastische Bilder, krasse Geschichte – höchst sehenswert!

“Fazit”

Das schlechte Wetter mich derweil zur Flucht nach Südtirol zwingend, wo ich einer der tausenden war, die die Radwege verstopften und den Kraftverkehr auf Passstraßen behinderten, bin ich vor lauter Aktiv-Sein zu Richard Wagner gar nicht erst gekommen, (tendenziell ist das “Rheingold” aber ohnehin eher langweiliger Schund).

Die Massen an Radfahrer_innen, teils in unrealistisch großen Gruppen unterwegs und auf Wegen und Straßen jeder Art, hat mich beeindruckt. Sollte ein Sport noch mehr boomen als Wandern/Bergsteigen, dann dürfte es der Radsport sein. Hier heißt die Devise wohl wie für alle recreational activities: “Schlafen für die Fabrik, Radfahren für’s Büro.”

Immer online im Taschachhaus.

Immer online im Taschachhaus.

Halbernst aufregen möchte ich mich an dieser Stelle noch über das Taschachhaus, Pitztal, 2434m ü.d.M.

Ausbildungsstützpunkt der Sektion München/Oberland mit um die 160 Betten, moderner Ausstattung, öffentlichem Internet-Computer und adidas outdoor-Testcenter, fand sich gleich am Eingang ein Schild mit folgendem Hinweis:

Liebe Tagesgäste,

bitte respektieren Sie, dass der Verzehr von selbstmitgebrachten Speisen und Getränken nicht gestattet ist.

DAV – Proud not to be member!

(1) Robert Steiner, Selig wer in Träumen stirbt, Panico,  Köngen, 6. Aufl., 2012, S. 14

(2) ebd., S. 17

(3) ebd., S. 13

(4) ebd., S. 175

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