Trainieren für’s Kapital

Fit for life? Oder fit für die Arbeit?
Wen interessiert heute noch systematisches Doping im Radsport? Müssen Frauen sich über Sport gleichstellen? Bin ich zu dick?
Und warum tun wir uns das alles an?

Wer kennt diese Fragen nicht? Um ihnen nachzugehen habe ich für die Leipziger Zeitschrift CEE IEH einen Text zu einer allgemeinen Kritik des Sports verfasst.
Man muss nun nicht einmal allzu genau hinsehen – der Sport ist fast immer ein Trainieren für oder die Ablenkung von der Arbeit. Anlässlich des frühlingsbedingt wiedereinsetzenden Zustroms von Joggern in die Parks und Wälder habe ich trotzdem genau hingesehen…

»Man merkt, es ist wieder Frühling. Sonntags 11 Uhr, Mittwochs 18 Uhr, fast egal, wann. Man erkennt sie schon von weitem mit ihren bunten, nicht selten neon-gelb leuchtenden und hautengen Funktions-Klamotten. Man kann kaum Spazierengehen, ohne dass sie einem den Weg abschneiden und sich mit ihren lautstarken Gesprächen über Trainingsmethoden und richtige Ernährung aufdrängen. Die Parks sind voller joggender Menschen. Und jedes Jahr werden es mehr.Reklame

Die Ausübung von Fitness-Sportarten wie Joggen und ein regelrechter Fahrrad-Hype nehmen ungebremst zu. Davon abgesehen geht ein klarer Trend zu Outdoor-Sportarten wie Wandern, Bergsteigen, Klettern (auch Indoor-Klettern) und Bouldern genauso wie Skitourengehen.
Hier kommt der Natur-Komponente eine tragende Rolle zu, für die die Sport-Bekleidungsindustrie in den letzten zwanzig Jahren einen riesigen neuen Zweig geboren hat: den der Outdoor-Klamotten.
Dass der übliche Käufer der 600€ Haglöfs-Hardshell seine Jacke eher ins Büro trägt, statt aufs Matterhorn, versteht sich von selbst. Nichtsdestotrotz nimmt die Frequentierung der Berge, die Zahl der Kletterhallen sowie die Mitgliedszahlen der Alpenvereine beständig zu. Erst 2013 hat der Deutsche Alpenverein die Marke von einer Million überschritten, Tendenz steigend.«

Neben einigen beispielhaften Ausführungen etwa darüber, welche (Wahn-)Vorstellungen von Normalität und welche Entgrenzung in gewissen Sportarten vorherrschen und darüber, wie Sport und “Empowerment” vermengt sind, steht eine psychoanalytische, d.h. triebökonomische Betrachtung auf der Grundlage von Herbert Marcuses Weiterführung der Freudschen Triebtheorie im Vordergrund. Ich versuche aufzuzeigen, dass der Sport sowohl ein Gebiet der Sublimierung darstellt – also der Ablenkung von Triebenergie auf kulturell angesehene und legitimierte Ziele – als auch Gebiet der Auslebung von Aggressionen, die gegen das eigene Ich gerichtet sind. Die Maximierung des durch die kapitalistische Gesellschaft den Individuen aufgenötigten Triebverzichts ist dabei als eine der Hauptursachen dafür anzusehen, dass sich im Verhältnis von Geist und Körper eine Art Hassliebe ausdrückt und der Körper zum Objekt einer instrumentellen Vernunft wird; dass Sport kaum emanzipatorisches Potenzial, dafür aber umso mehr Möglichkeit der Ablenkung und Zerstreuung und damit der Reproduktion oder gar Erhöhung der Leistungsfähigkeit bietet – bieten soll und muss – denn das sind neben der Bildung von Identität seine wichtigsten Funktionen. Oder wie es Siegfried Kracauer bereits 1930 ausdrückte:

»Zweifellos erfüllt die systematische Durchbildung des Körpers die Mission, das lebensnotwendige Gegengewicht gegen die vermehrten Anforderungen der modernen Wirtschaft herzustellen. Die Frage ist aber, ob es beim heutigen Sportbetrieb nur um 
 freilich unerläßliche Durchbildung geht. Ob nicht am Ende dem Sport auch darum heute ein so ausgezeichneter Platz in der Hierarchie der Kollektivwerte angewiesen wird, weil er den Massen die willkommene und von ihr voll ausgenutzte Möglichkeit der Zerstreuung bietet.« (Siegfried Kracauer: Die Angestellten)

Zum Text auf der Homepage des CEE IEH kommt ihr hier und als PDF.

Auf der Messe "Therapie" 2015 in Leipzig

Auf der Messe “Therapie” 2015 in Leipzig

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