Jauchzet, frohlocket – Klettern wird olympisch!

Wenn das kein Grund zur Freude ist!

Es ist mittlerweile paar Wochen her, da gab das Internationale Olympische Kommittee (IOC) bekannt, dass Klettern eine Disziplin der nächsten Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokyo sein würde. Nachdem die Feierstimmung bei den wichtigen Lobby-Organisationen, allen voran dem IFSC langsam abklingt, melden sich in der Kletter-Community mehr und mehr kritische Stimmen zu Wort, wie etwa auch bei der Online-Plattform climbing.com zu lesen ist. Nicht überraschend. Warum? Das olympische Klettern wird genau genommen ein Dreikampf sein: aus den Teildisziplinen Lead, Bouldern und Speed. Am Ende siegt diejenige mit den meisten Punkten in allen Disziplinen. Das sorgt für Unverständnis bei einigen der Top-Kletterer_innen, da sie ein Problem mit der letztgenannten Disziplin, dem Speed-Klettern haben. Auf Climbing.com höhnte Corey Buhay schon über den “vertikalen Triathlon”.

Adam Ondra at Epic TV

Adam Ondra at Epic TV

Ein Aspekt, der vielleicht ausschlaggebend für die Entscheidung des IOC gewesen ist, könnte die größere Attraktivität von Speed-Klettern für ein vor allem kletterfremdes Publikum gewesen sein. Speed ist für jede_n verständlich, Weltrekorde sind viel einfacher möglich. Während der Welt-Sportkletter-Verband IFSC froh ist nun einen “Fuß in der Tür” des IOC zu haben und sich naturgemäß über die Entscheidung freut, obgleich seine Vorstellungen ursprünglich auch 3 Wettbewerbe für jede Einzeldisziplin vorsahen, sind die Gefühle bei den Athlet_innen gemischt. So sagte etwa Adam Ondra, einer der derzeit weltbesten Fels- und Wettkampfkletterer in einem Interview mit Epic TV, dass das Speed-Klettern eine eher künstliche Disziplin sei und mit der Philosophie des Kletterns nicht viel zu tun habe. Interessant ist hier nicht nur die Wortwahl und die Auffassung des Speed-Kletterns als künstlicher Disziplin, sondern auch, dass Adam Ondra nur in den ersten beiden Disziplinen, Lead und Bouldern, im Kampf um die Medaillen mitmischen könne. Das lässt auch verstehen, warum er hart am Überlegen sei, ob er an den Spielen teilnehmen werde, oder ob er sie stattdessen lieber boykottieren möchte. Die Kletterphilosophie beinhalte für ihn eher das Hinaufkommen, statt das permanente und weltweit synchronisierbare Training an ein und der selben Indoor-Wand. Entsprechend schrieb auch Corey Buhay dass viele Kletterer_innen dadurch vermehrt in der Halle trainieren würden bzw. müssten, um sich ideal auf die Wettkämpfe vorzubereiten, was für viele Kletterer_innen, die eher am Fels zuhause sind und dort ihre Erfolge erzielen, wenig attraktiv erscheine. Wahrscheinlich bedeutet das also eine noch weitere Zunahme des Trends hin zum Hallenklettern und weg vom “ursprünglicheren” Felsklettern. Dass Boulder- und Kletterwettbewerbe in der Regel drinnen und nicht draußen stattfinden und auch ein Sprungbrett für ambitionierte Alpinist_innen wie im Falle von David Lama darstellen können, sei dabei mal außer Acht gelassen.

Was bedeutet das aber für den Klettersport insgesamt?

Vor allem werden noch mehr Sponsoren und folglich noch mehr Geld in die Kletterwelt strömen. Es wird noch mehr Professionalisierung geben, noch mehr Kletterhallen werden gebaut. Der Kletterhype insgesamt, der bislang noch kein Ende absehen lässt wird anhalten, sich möglicherweise sogar verstärken. Es steht zu vermuten, dass damit auch der Zulauf in die Berge und zu den Felskletter-Spots größer wird, also auch zu einer Herausforderung für deren Erhaltung sowie für den dortigen Naturschutz wird. Und wer sich noch über den lässigen, vertrauenswürdigen und freundschaftlichen Charakter der Klettercommunity freuen konnte, wird vielleicht schon vor Jahren angefangen haben diesen zu vermissen. Ohne nun nach dem Motto “Früher war alles besser!” Pessimismus verbreiten zu wollen: die weitere Institutionalisierung des Sport wird dem, was ihn für viele so attraktiv macht – das Aufsuchen (und Finden) eines Gefühls von Freiheit und das Übersichhinauswachsen in der Auseinandersetzung mit der Natur – eher schaden. Natürlich lässt sich die Frage stellen, ob das nicht trotzdem noch uneingeschränkt möglich ist. Aber schon der in den letzten Jahren stark zunehmende Andrang in die Berge, der durch die wachsende Sehnsucht der Menschen nach Natur (oder dem, was sie dafür halten) sowie die enorme Expansion der entsprechenden Bekleidungs- und Ausrüstungsindustrie bedingt ist, lässt die positive Aussicht fragwürdig erscheinen. Ein Grund zum Feiern also? Wohl nur für diejenigen, die von diesem Wandel profitieren – es dürften allerdings nicht wenige sein. Aber warten wir erstmal die Spiele 2020 ab….

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